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Die weiblichen Abgeordneten der Nationalversammlung
in Weimar 1919 bei ihrer Kaffeepause, hmf

100 Jahre Frauenwahlrecht — Der Aufbruch zum allgemeinen Wahlrecht für Frauen

Endlich war es soweit: am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und sich wählen lassen. „Meine Herren und Damen!” – so begrüßte die SPD-Abgeordnete Marie Juchacz an jenem denkwürdigen Tag ihre Mitstreiterinnen und Kollegen in der Weimarer Nationalversammlung: „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volk sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.”
Bis zu diesem Moment lag hinter ihr und den 36 weiteren Parlamentarierinnen bereits ein langer Weg zum Frauenwahlrecht. Viele Jahrzehnte zuvor hatten kämpferische Frauen auch mithilfe unterstützender Männer politische Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen eingefordert, wie etwa 1848 Louise Otto Peters oder 1873 Hedwig Dohm. Daher erinnern wir 2019 an die Frankfurterinnen und jene, die mit Frankfurt verbunden waren. Trotz häufiger Niederlagen kämpften sie unerschütterlich für die Verbesserung weiblicher Rechte und Lebenschancen. Auch wenn es sich zunächst um eine überschaubare Gruppe von Akteurinnen handelte, mit einer übrigens starken Präsenz jüdischer Frauen, bewirkten sie dank ihrer hervorragenden Netzwerke in politischen Parteien sowie in der Frauen- und Friedensbewegung die stetige Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse.

Schon während des 19.Jahrhunderts hatten engagierte Bürgerinnen bereits bestehende Netzwerke der bürgerlichen Elite zur Umsetzung ihrer öffentlichen Belange genutzt. Ein schönes Beispiel dafür ist der 1813 von ihnen gegründete  Vaterländische Frauenverein – einer der ersten Vereine Frankfurts überhaupt. Den Vorstand bildeten Ehefrauen und Töchter des wohlhabenden Bürgertums. Ihre vordringlichste Aufgabe sahen sie zunächst in der finanziellen Unterstützung Notleidender, verstärkt jedoch auch im Aufbau der Frauenvereinsschulen. Hier sollten junge Mädchen in Haushaltsführung und Krankenpflege unterrichtet werden. Als der Verein 1913 mit Erfolg auf sein 100 jähriges Bestehen zurückblicken konnte, fanden sich unter den aktuellen Mitgliedern viele bekannte Namen aus der Töchter- und Enkelgeneration der Gründerinnen.

Zurück zu den Akteurinnen des 20. Jahrhundert – sie trugen mit großer Überzeugungs- und Tatkraft in politischen Parteien, in Arbeitervereinen und in der Frauenbewegung wesentlich zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen bei. Trotz wiederkehrender Niederlagen kämpften sie in Vereinen und Parteien entschlossen für die Verbesserung weiblicher Rechte. Ein wichtiges Ziel war die Schaffung besserer Bildungschancen für proletarische Frauen und Mädchen. Das führte zur Gründung des „Bildungsvereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse”, der im 1901 eröffneten Gewerkschaftshaus in der Frankfurter Allerheiligenstraße 1 ein Büro unterhielt und Veranstaltungen zu geregelter Arbeitszeit und Arbeitsschutzmaßnahmen organsierte. Der Wohlfahrtspflege sowie dem Israelitischen Mädchenbund widmeten sich vorwiegend jüdische Frauenrechtlerinnen. Außerdem arbeiteten Ärztinnen wie Hertha Riese und Elisabeth Winterhalter in Sozial- und Sexualberatungsstellen des Bundes für Mutterschutz. Mit gleichgesinnten Frauen kümmerten sie sich für um eine verbesserte Fürsorge für ledige Mütter und engagierten sich wie Bertha Pappenheim im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution.

Zur besseren Koordinierung der vielfältigen Aufgaben wurden übergreifende zentrale Organisationen gegründet, wie etwa die Frankfurter Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF). Manche Akteurinnen, wie Jenny Apolant, engagierten sich auch als Vorstandsmitglieder in überregionalen Organisationsgremien wie dem Bund deutscher Frauenvereine (BDF). Andere wiederum, wie Meta Quarck-Hammerschlag und Tony Sender verlegten ihren Schwerpunkt auf die politische Tätigkeit als Stadtverordnete. Ab 1919 gehörten sie zu den neunzehn Parlamentarierinnen im Römer.

An der Friedensbewegung beteiligten sich weitere Aktivistinnen, wie die Pazifistin Anna Edinger, die sich bereits ab 1908 als Delegierte des BDF im Friedenskomitee des „International Congress of Women” engagiert hatte. Trotz behördlicher Verbote nahm sie 1915 während des Kriegs am „International Congress of Women” in Den Haag teil. Hier verabschiedeten die 1126 Teilnehmerinnen aus 12 Nationen nicht nur bedeutende Resolutionen gegen die erfolgten Kriegsgräuel, sondern traten vehement für umgehende Friedensverhandlungen ein. Von der mehrheitlich den Krieg unterstützenden Frauenbewegung wurden Anna Edinger und ihre Mitstreiterinnen dafür heftig kritisiert.

Insgesamt engagierten sich die Frauenrechtlerinnen mit einem ungewöhnlich vielfältigen Engagement — trotz der enormen Widerstände, die sie zu überwinden hatten. Sobald sie sich als Frauen für andere Frauen und deren Belange einsetzten, bewegten sie sich häufig jenseits des bisher akzeptierten gesellschaftlichen Rahmens und überschritten damit die ihnen traditionell zugeschriebenen Rollen.

Ohnehin verschärfte sich das poltische Klima und Milieu der späten 1920er Jahre zunehmend durch die stetig erstarkende nationalsozialistische Bewegung. Jüdische, sozialdemokratische und kommunistische Mitstreiterinnen waren zur Flucht aus Deutschland gezwungen und wurden systematisch verfolgt. Politische Akteurinnen wie Johanna Kircher und Johanna Tesch, die sich jahrzehntelang für die Belange von Frauen eingesetzt, politisch Verfolgten zur Flucht geholfen und gegen das Nazi-Regime gekämpft hatten, wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt, zum Tode verurteilt oder starben elendiglich in Konzentrationslagern.