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Die weiblichen Abgeordneten der Nationalversammlung
in Weimar 1919 bei ihrer Kaffeepause, hmf

Gesellschaftliches und politisches Engagement — 100 Jahre Frauenwahlrecht

„Meine Herren und Damen!” So begann Marie Juchacz am 15.Juli 1919 ihre Rede in der Nationalversammlung. „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volk sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.”

Bis zu diesem Moment lag bereits ein langer Weg zum Frauenwahlrecht hinter ihr und ihren Mitstreiterinnen, denn lange vor 1918 forderten Frauen politische Gleichberechtigung und berufliche Anerkennung. Wir erinnern hier an Frankfurterinnen, die sich hartnäckig, trotz wiederholter Niederlagen, öffentliche Einflussnahme und damit die Verbesserung der Rechte und Lebenschancen von Frauen erkämpften. Auch wenn es sich zunächst um eine überschaubare Gruppe von Akteurinnen handelte, bewirkten diese dank ihrer hervorragenden Netzwerke in politischen Parteien sowie in der Frauen- und Friedensbewegung die angehende Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Bemerkenswert dabei ist die starke Präsenz jüdischer Frankfurterinnen.

Bereits im 19.Jahrhundert waren Geselligkeitsformen entstanden, in welchen gesellschaftlich den Ton angebende und zur bürgerlichen Elite zählende Familien ökonomische Beziehungen pflegten. Solchermaßen gewachsene Netzwerke nutzten auch schon damals viele engagierte Bürgerinnen zur aktiven Gestaltung ihrer öffentlichen Belange. Ein schönes Beispiel dafür ist der von ihnen 1813 gegründete „Vaterländische Frauenverein” - einer der ersten Vereine Frankfurts überhaupt. 1913 wurde sein erfolgreiches 100jähriges Bestehen gefeiert. Dem damaligen Vorstand gehörten durchweg Ehefrauen und Töchter der bürgerlichen Elite an. Sie sahen ihre vordringlichste Aufgabe in der umfassenden finanziellen Unterstützung Notleidender. Ferner kümmerten sie sich um den Aufbau und den Unterhalt der Frauenvereinsschule, in der junge Mädchen in Haushaltsführung und Krankenpflege unterrichtet wurden.

Die Akteurinnen des 20. Jahrhundert trugen darüber hinaus mit großer Überzeugungskraft in politischen Parteien sowie in Arbeitervereinen und in der Frauenbewegung wesentlich zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen bei. Hartnäckig kämpften sie - ob parteilos oder in Parteien engagiert - trotz wiederholter Niederlagen für die Verbesserung ihrer Rechte, Lebenschancen und Handlungsräume. Um bessere Bildungschancen für proletarische Frauen und Mädchen zu schaffen, gründeten einige den „Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse”, der im 1901 eröffneten Gewerkschaftshaus in der Frankfurter Allerheiligenstraße 1 ein Büro unterhielt und Veranstaltungen organisierte. Andere wiederum fochten für die weiblichen Dienstboten und deren zu verbessernde berufliche Situation. Denn diese litten unter langen Arbeitszeiten und willkürlichen Arbeitsbedingungen. Frauenbewegte Ärztinnen arbeiteten in der Sozial- und Sexualberatungsstelle des Bundes für Mutterschutz. Gleichgesinnte Frauenrechtlerinnen waren in der verbesserten Fürsorge für ledige Mütter und im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution aktiv. Wieder andere widmeten sich der jüdischen Wohlfahrtspflege sowie dem Israelitischen Mädchenbund.
Zwecks besserer Koordinierung gründeten sie übergreifende zentrale Organisationen, wie etwa die Frankfurter Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF). Manche Akteurinnen verlagerten damit ihre Tätigkeiten innerhalb der Frauenbewegung zunehmend in überregionale Organisationsgremien als Vorstandsmitglieder des Bundes deutscher Frauenvereine (BDF).
Einige Aktivistinnen beteiligten sich in der Friedensbewegung. Sie waren seit 1908 als Delegierte des BDF im Friedenskomitee des „International Congress of Women” tätig und beteiligten sich an den Kongressen, etwa in Genf und Stockholm. Die Frauenrechtlerin Anna Edinger nahm hier eine eigenständige Rolle ein, indem sie Ende April 1915 an dem in der Frauenbewegung heftig umstrittenen Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag teilnahm. Hier verabschiedeten die 1126 Teilnehmerinnen aus 12 Nationen bedeutende Resolutionen gegen die erfolgten Kriegsgräuel. Vehement traten sie für umgehende Friedensverhandlungen ein.

Insgesamt waren die Widerstände, die Frauenrechtlerinnen zu überwinden hatten, enorm. Denn sobald sie als Frauen für Frauen und deren Belange eintraten, bewegten sie sich jenseits des akzeptierten gesellschaftlichen Rahmens. Denn sie lehnten die ihnen traditionell zugeschriebene weibliche Rolle ab.
Außerdem verschärfte sich zunehmend das poltische Milieu der immer stärker werdenden nationalsozialistischen Bewegung. Vor allem jüdische Mitstreiterinnen waren zur Flucht aus Nazi-Deutschland oder zur Deportation gezwungen.
Politische Akteurinnen wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Viele starben elendiglich im Konzentrationslager Theresienstadt oder Ravensbrück - wie die überzeugte Sozialdemokratin Johanna Tesch, die sich jahrzehntelang für die Belange von Frauen eingesetzt und gegen das Nazi-Regime gekämpft hatte.