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Flugblatt zur Reichstagswahl am 6.Juni 1920 für den
Wahlkreis Hessen-Nassau, hmf

Gesellschaftliches und politisches Engagement

100 Jahre nach dem Ausbruch des „Großen Krieges” nehmen wir die Zeit des Ersten Weltkriegs in den Blick. Und erinnern an Frankfurterinnen, die sich hartnäckig, trotz wiederholter Niederlagen, öffentliche Einflussnahme und damit die Verbesserung der Rechte und Lebenschancen von Frauen erkämpften. Es handelte es sich zwar um eine überschaubare Gruppe von Akteurinnen, die jedoch dank ihrer hervorragenden Netzwerke in politischen Parteien sowie in der Frauen- und Friedensbewegung die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse bewirkten. Beeindruckend ist dabei die starke Präsenz jüdischer Frankfurterinnen.
Im 19.Jahrhundert entstanden Geselligkeitsformen, in welchen gesellschaftlich den Ton angebende und zur bürgerlichen Wirtschaftselite zählende Familien wirtschaftliche Beziehungen pflegten. Solchermaßen gewachsene Netzwerke nutzten auch engagierte Bürgerinnen zur aktiven Gestaltung ihrer öffentlichen Belange. Ein schönes Beispiel dafür ist der von ihnen 1813 gegründete „Vaterländische Frauenverein” - einer der ersten Vereine Frankfurts überhaupt. 1913 wurde sein erfolgreiches 100jähriges Bestehen gefeiert. Dem damaligen Vorstand gehörten durchweg Ehefrauen und Töchter der bürgerlichen Elite an. Sie sahen ihre vordringlichste Aufgabe in der umfassenden finanziellen Unterstützung Notleidender. Ferner kümmerten sie sich um den Aufbau und den Unterhalt der Frauenvereinsschule, in der junge Mädchen in Haushaltsführung und Krankenpflege unterrichtet wurden.

Die Akteurinnen des 20. Jahrhundert trugen mit großer Überzeugungskraft in politischen Parteien sowie in Arbeitervereinen und der Frauenbewegung wesentlich zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen bei. Hartnäckig erkämpften sie  ob parteilos oder engagiert in der SPD - trotz wiederholter Niederlagen  die Verbesserung ihrer Rechte, Lebenschancen und Handlungsräume. Um bessere Bildungschancen für proletarische Frauen und Mädchen zu schaffen, gründeten sie den „Bildungsverein für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse”, der im 1901 eröffneten Gewerkschaftshaus in der Frankfurter Allerheiligenstraße 1 ein Büro unterhielt und Veranstaltungen organisierte. Andere fochten für die weiblichen Dienstboten und deren verbesserte berufliche Situation, denn diese litten unter langen Arbeitszeiten und willkürlichen Arbeitsbedingungen. Frauenbewegte Ärztinnen arbeiteten in der Sozial- und Sexualberatungsstelle des Bundes für Mutterschutz. Einige Frauenrechtlerinnen waren in der verbesserten Fürsorge für ledige Mütter und im Kampf gegen Mädchenhandel und Prostitution aktiv. Wieder andere widmeten sich der jüdischen Wohlfahrtspflege wie dem Israelitischen Mädchenbund.
Außerdem gründeten sie Organisationen, wie etwa die Frankfurter Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF). Manche Akteurinnen verlagerten dann ihre Tätigkeiten innerhalb der Frauenbewegung zunehmend in überregionale Organisationsgremien als Vorstandsmitglieder des Bundes deutscher Frauenvereine (BDF). Die Aktivistinnen in der Friedensbewegung waren seit 1908 als Delegierte des BDF im Friedenskomitee des „International Congress of Women” tätig und reisten zu den Kongressen nach Genf und Stockholm. Die Frauenrechtlerin Anna Edinger nahm hier eine eigenständige Rolle ein, indem sie Ende April 1915 an dem umstrittenen Internationalen Frauenfriedenskongress in Den Haag teilnahm. Hier verabschiedeten die 1126 Teilnehmerinnen aus 12 Nationen bedeutende Resolutionen gegen Kriegsgreuel und für Friedensverhandlungen. Die Widerstände, die Frauenrechtlerinnen zu überwinden hatten, waren enorm. Denn sobald sie als Frauen für Frauen und deren Belange eintraten, bewegten sie sich jenseits des akzeptierten gesellschaftlichen Rahmens. Wenn sie Jüdinnen waren, waren sie zur Flucht aus Nazi-Deutschland gezwungen oder wurden nach Ravensbrück oder Theresienstadt deportiert. Politische Akteurinnen wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Oder sie wurden wie Johanna Tesch, die sich jahrzehntelang für die Belange der Frauen eingesetzt und gegen das Nazi-Regime gekämpft hatte, in Berlin-Plötzensee hingerichtet.