Innovativ Unternehmerisch Kreativ Politisch

Wohnräume der Expressionismus-Sammlerin
Rosy Fischer (1869-1926) mit Gemälden von Kirchner

Bürgerliche Netzwerke und gemeinnützige Stiftungen

Das gesellschaftliche und soziale Leben war um 1800 durch familiäre und freundschaftliche Beziehungen strukturiert. Die bürgerlichen  Salons bildeten neben den Theater-, Musik- und Lesegesellschaften die öffentlichen und halb öffentlichen Räume, in denen sich beide Geschlechter zur Pflege dieser Kultur trafen. Diese neue Geselligkeit funktionierte, weil Frankfurterinnen wie etwa Katharina Elisabeth Goethe und Marianne von Willemer oder Lily von Schnitzler und Rosy Fischer sie in Gang hielten. In solchem Umfeld konnten sich kulturelle Strömungen entwickeln. Ebenso beförderte es die Schaffung bedeutender Sammlungen und Stiftungen.

Das Sammeln und Stiften erscheint in der Geschichte der Stadtgesellschaften meist als ausschließliche Domäne männlicher Kunstkenner und Geldgeber. Bereits seit 1691 besaßen die Frankfurter Bürgerinnen und Bürger eine Stadtbibliothek, die den Beginn des wissenschaftlichen Sammelns in Frankfurt markiert. Hier hing das Bildnis der Patrizierin Catharina Elisabeth von Barckhaus als einziges Frauenporträt neben vielen männlichen Stifter-Porträts. Ihrer großzügigen Stiftung verdankte dieses erste „Museum” eine herausragende Münz-Sammlung sowie einen „Kunstkammerschrank” mit kostbaren kunsthandwerklichen Gegenständen. Auf den ersten Blick mögen die Patrizierin von Barckhaus oder die Prinzessin von Anhalt-Dessau, die Besitzerin der umfangreichsten zeitgenössischen Gemäldesammlung in Frankfurt wie Einzelfälle erscheinen. Doch der weibliche Anteil an der Frankfurter Sammlungs- und Stiftungsgeschichte war beachtlich. Er lässt sich seit der Frühen Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert verfolgen. Häufig steckte auch hinter einem Stifter ein Stifterpaar oder das ‚weibliche Kapital’ der Ehefrau. Bisher wurde das Frankfurter Sammlungs- und Stiftungswesen leider noch nicht systematisch auf die Beteiligung der zahlreichen Stifterinnen untersucht.

Bis ins 20. Jahrhundert nutzten die Frankfurterinnen das Stiften und Sammeln als Mittel zur öffentlichen Einflussnahme, da sie bis dahin eine offizielle Funktion im politischen Leben der Stadt nicht einnehmen durften. Wohingegen eine Stiftung - wie etwa der Patrizierin Justina Steffan von Cronstetten - ein breites Spektrum öffentlicher Wirksamkeit ermöglichte, selbst bis in die heutige Zeit. Die Cronstetten-Stiftung zählt durch geschickte Vermögensverwaltung heute zu den größten Stiftungen Frankfurts.
Diese weibliche Tradition des Sammelns und Stiftens setzten Frauen aus namhaften Frankfurter Familien im 19. und 20. Jahrhundert fort. Sie legten große Kunst- und Kunstgewerbesammlungen an oder gründeten bedeutende gemeinnützige Stiftungen, die dezidiert für verbesserte Lebensbedingungen des eigenen Geschlechts eingerichtet waren. Beeindruckend ist ab 1900 die starke Präsenz jüdischer Stifterinnen und Kunstsammlerinnen wie etwa Hannah Louise Rothschild, Anna Edinger, Marie Pfungst, Rosy Fischer oder May von Weinberg. Dank ihrer Kennerschaft, ihrer Risikobereitschaft und ihres Engagements leisteten diese Frauen einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Bürgerkultur und der Stiftungsstadt Frankfurt.